Es ist Open Air und keiner hört hin

Dass man nicht an Festivals geht, um sich Bands anzuhören, ist kein neues Phänomen. Die Unfähigkeit vieler Festivalbesucher, sich auf ein Konzert einzulassen nimmt aber zu. Ich persönlich empfinde es streckenweise als höchst respektlos den Bands gegenüber.

Das Fest steht auch beim Heitere Open Air klar über der Musik. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Fest steht auch beim Heitere Open Air klar über der Musik. SRF

Es passiert mir immer öfters, dass ich an Festivals keinen geeigneten Standort finde, um mir ein Konzert anzuhören. Grund: Bei Bands, die ihr Publikum nicht dirigieren oder dampfwalzenmässig mit Lautstärke und Druck überfahren – wird gequatscht bis in die vordersten Reihen. Gerade wieder erlebt habe ich das in der ersten Hälfte des Auftritts von Züri West am Heitere Open Air in Zofingen. Und dies obwohl sich die Band sichtlich für die Leute interessiert hat.

Was macht ihr da?

Natürlich trifft man an Konzerten Leute, die man kennt. Natürlich begrüsst man die. Natürlich fragt man, wie es so geht. Um einander zu erzählen, was man in den letzten Monaten alles erlebt hat – ist ein Konzertbesuch aber der wohl ungünstige Ort, den man sich vorstellen kann. Wie wär‘s mit „Hey. Hallo. Wie geht’s? Ok. Bis später.“? Schliesslich stehen ja alle vor dieser Bühne, um sich ein Konzert anzusehen. Oder? Die Antwort ist hier wahrscheinlich und leider: Nein!

Den lauten Diktatoren gehört die Open Air-Welt

Wer 2017 an einem Festival das Publikum erreichen will, braucht nicht die Qualitäten eines Entertainers sondern eines Dompteurs. Wer sich zum Beispiele Auftritte des deutschen Rappers Marteria anschaut, weiss von was ich spreche. Er lässt den Leuten keine Chance. Mit Dezibel und Peitsche dominiert er die Massen.

„Ich darf von den Leuten nicht erwarten, dass sie sich für mein Konzert interessieren. Es ist mein Job dafür zu sorgen, dass sie es tun“ sagte der britische Musiker Frank Turner im Interview mit SRF 3 am diesjährigen Heitere Open Air. Mit dieser Einstellung und der damit verbundenen Knochenarbeit, gewinnt Turner fast jedes Publikum für sich. Das unterstreicht die Theorie, dass die Zeiten vorbei sind, in welchen man die Leute „nur“ mit guten Songs und einer soliden Show begeistern konnte.

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Frank Turner & The Sleeping Souls - «Four Simple Words» Heiter...

6:43 min, aus Festivalsommer vom 13.8.2017

Und jetzt?

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Autor: Gregi Sigrist

Autor: Gregi Sigrist

Gregi Sigrist ist Musikjournalist der Fachredaktion Musik Pop/Rock von Schweizer Radio und Fernsehen. Im Musik-Blog schaut er auf, unter und hinter aktuelle Musikthemen und ihre Nebengeräusche.

Ganz ehrlich. Auch wenn ich weiss, dass sich die Zeiten ändern und man scheinbar wenig dagegen tun kann: Ich wünsche mir trotzdem, dass auch leisere Bands mit wenig Marktschreier-Qualitäten den Respekt kriegen, den sie verdient haben.

Im Kino würde sich niemand erlauben den Film zu verquatschen. Und da stehen nicht mal Menschen auf der Bühne. Da ist bloss eine Leinwand.

In eine Bar geht man, um etwas zu trinken. Wer bestellt und bezahlt Bier, um es dann stehen zu lassen?

Wieso aber geht man an ein Festival, um sich vor Bühnen zu stellen auf welchen Bands Konzerte spielen, welche man aktiv ignoriert?
Ich verstehe es nicht. Ich habe es nie verstanden und werde es wahrscheinlich und hoffentlich auch nie verstehen. Und ihr?