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Literaturredaktor Michael Luisier spricht mit Saša Stanišić
Aus Kultur-Aktualität vom 15.10.2019.
abspielen. Laufzeit 05:56 Minuten.
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Buchpreis-Gewinner Stanišić «Mein ganzes Leben ist von einer Überwindung der Grenzen geprägt»

Saša Stanišič hat den deutschen Buchpreis für seinen Roman «Herkunft» bekommen. Darin erzählt der Autor die Geschichte seines schweren Abschiedes aus Višegrad als 14-Jähriger während des Bosnienkriegs und seiner noch viel schwierigeren Ankunft in der neuen Heimat Heidelberg.

Die Dankesrede für den Preis benützte Stanišič, um auf seine erste Herkunft aufmerksam zu machen. In diesem Zusammenhang kritisierte er auch die Nobelpreis-Auszeichnung Peter Handkes, der sich in den 1990er-Jahren mit der serbischen Seite solidarisiert hatte.

Im Interview spricht Saša Stanišič über Handke, Herkunft und warum er es nie wagen würde, das Wort Heimat zu definieren.

SRF: Was überwiegt: Der Ärger über den Nobelpreis an Handke oder die Freude über den Deutschen Buchpreis?

Saša Stanišič: Die Freude. Trotzdem war es für mich ein grosses Anliegen, mich zu äussern. Es ist mir wichtig zu sagen, dass viele Dinge falsch gelaufen sind. Jetzt ist es raus.

Jemand hat mir gesagt: Über Handke wird die Geschichte und nicht die Literaturgeschichte urteilen.

Auszug aus Stanišićs Dankesrede

«Ich freue mich wirklich immens über diesen Preis», sagte Saša Stanišić am Montagabend im Frankfurt, aber eine andere Ehrung habe ihm die Freude über seine eigene Auszeichnung «vermiest».

«Ich hatte das Glück, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt. Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat.» Er könne nicht nachvollziehen, «dass man sich die Wirklichkeit, mit der man behauptet, Gerechtigkeit für jemanden zu suchen, so zurechtlegt, dass dort nur Lüge besteht.»

Er nehme den Buchpreis entgegen als Vertreter einer anderen Literatur, «einer Literatur, die nicht zynisch ist, nicht verlogen und die uns Leser nicht für dumm verkaufen will, indem sie das Poetische in Lüge verkleidet».

In Ihrem Buch beschreiben Sie den Begriff «Herkunft» ganz unterschiedlich: Es sind Gräber, die Sie in Bosnien besuchen, es ist Ihre demente Grossmutter, aber auch die Aral-Tankstelle in Heidelberg, wo Sie mit Ihren Kumpels abhängen und Gedichte lesen. Was ist Herkunft?

Die Fragen «Wo kommst du her?», «Wer bist du?» und «Wo gehörst du hin?» klingen einfach, sind aber nicht leicht zu beantworten. Ich habe beim Schreiben festgestellt, dass ich gar keine einfache Antwort haben will und haben kann.

Der Ort meiner Teenager-Sozialisation, die Gräber meiner Urahnen, meine demente Grossmutter mit ihren Geschichten, meine Eltern: All das spielt für mich eine Rolle.

Es sind die akuten Momente in meiner Vergangenheit, die mich und meine Herkunft bis heute prägen – wie viele Flüsse, die in das Meer fliessen, das einen Menschen ausmacht. Alle anderen Menschen sind auch solche Meere. Es wäre schön, wenn alle so denken würden.

Leider benutzen wir aber den Begriff «Herkunft» oft in ausgrenzender Art. Dagegen schreibt mein Buch an. Mein ganzes Leben war geprägt von einer Überwindung der Grenzen. Deswegen ist mein Herkunftsbegriff ein offener und vielfältiger, der sich auf viele verschiedene Zeitpunkte im Leben eines jeden bezieht.

Sie definieren «Herkunft» also nicht wie «Heimat»?

An die Frage nach Heimat würde ich mich nicht einmal wagen. Darauf gibt es so viele Antworten wie es Menschen gibt. Das ist schön, solange man damit andere nicht ausschliesst.

Aber klar: Jeder, der von Herkunft spricht, spricht irgendwann auch von Orten, zu denen er sich auf eine besondere Weise hinzugezogen fühlt.

Das Gespräch führte Michael Luisier.

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