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Legende: Audio «Die Stimme der Millennials»: «Gespräche mit Freunden» im Gespräch abspielen. Laufzeit 04:38 Minuten.
Aus Kultur-Aktualität vom 20.08.2019.
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Erstling von Sally Rooney Klartext im Gewirr der Gefühle

Die «New York Times» bezeichnet Sally Rooney als «wichtigste Stimme der Millennial-Literatur». Was macht ihr Debüt, das jetzt auf Deutsch erschienen ist, so unvergleichlich?

Sie erzählt frisch und direkt aus dem Leben junger irischer Collegestudenten: Sally Rooneys Debütroman «Conversations with Friends» handelt von Poetry-Slam-Parties, weinseligen WG-Gesprächen und Semesterferien in einem Ferienhaus in der Bretagne.

Beim Lesen wird schnell klar: Rooneys Debüt ist nicht einfach ein weiterer Coming-of-Age-Roman. Die Irin beherrscht es, menschliche Beziehungen und Verstrickungen bis ins Detail zu sezieren. Was die Figuren sagen, wie sie es sagen und vor allem auch was sie auslassen, verrät viel über sie.

Was wir uns erzählen

Das Buch lebt, wie der Titel erwarten lässt, von den Gesprächen. Sally Rooney gibt sie ohne Satzzeichen wieder und reiht analoge Gespräche an Telefongespräche und Chatverläufe. Geredet wird über Geld, über Politik, über Kapitalismus, über Privilegien als weisse Mittelschicht und immer wieder über Freundschaft, Liebe und das ganze Spektrum dazwischen.

Es sind Themen, die die 20-jährige Protagonistin Frances und ihre beste Freundin Bobbi beschäftigen. Beide studieren Geisteswissenschaften am prestigeträchtigen Trinity College in Dublin. Das prägt ihre Art zu denken und sich auszudrücken – und sie treten gelegentlich als Spoken Word Performerinnen zusammen auf.

Alternativmodelle der Liebe

In der Schule waren Frances und Bobbi einmal ein Paar. Die lesbische Ex-Beziehung, die sich zu einer Freundschaft ausgewachsen hat, wird so beiläufig erwähnt, als handle es sich um eine Beziehung wie jede andere.

Eher pflegen die beiden eine Art Argwohn gegen konventionelle Mann/Frau-Beziehungen; mit der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern haben sie sich schliesslich auseinandergesetzt.

Eine verbotene Affäre

Doch dann machen sie Bekanntschaft mit Melissa, einer 37-jährigen Journalistin, die einen Artikel über die Slam-Künstlerinnen machen will. Melissa lädt die jungen Frauen zu sich ein. Dort lernen sie Melissas Ehemann Nick kennen.

Die vier verstehen sich gut, eine Freundschaft entsteht. Im Laufe der Geschichte verliebt sich Frances in den verheirateten älteren Mann. Das Verbotene ihres Verhältnisses ist berauschend wie belastend und kreiert eine eigenartige Dynamik zwischen Frances und Nick, aber auch zwischen den Freunden um sie herum.

Scham, Schuld und Vertrauen

Packend ist, wie Sally Rooney dieses Szenario mit grosser emotionaler Intelligenz zu Ende denkt.

Weder Frances noch Nick sind skrupellos. Frances fühlt sich durchaus schuldig. Sie ist durchdrungen von Scham, nicht nur gegenüber Nicks Ehefrau und Bobbi, sondern auch gegenüber sich selbst, die sich plötzlich in der Rolle der jungen, bedürftigen Affäre eines wohlhabenden älteren Mannes sieht.

#dichterdran

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In einer Kritik im Tagesanzeiger, Link öffnet in einem neuen Fenster verglich der Redaktor Martin Ebel die Autorin Sally Rooney mit einem «aufgeschreckte(n) Reh mit sinnlichen Lippen» und bezichtige sie des geistigen Diebstahls beim französischen Schriftsteller Marivaux. Sexistisch fand das die Literaturwissenschaftlerin Nadia Brügger und veröffentlichte ihre Meinung per Twitter. Zusammen mit der Autorin Simone Meier und der Regisseurin Güzin Kar kehrten sie unter dem Hashtag #dichterdran, Link öffnet in einem neuen Fenster das Blatt um und schrieben auf jene klischierte Weise über Autoren, wie sonst nur über Autorinnen geschrieben wird. Damit zeigten sie auf, wie häufig Schriftstellerinnen auf ihren Körper, auf ihr Aussehen und auf ihr Alter reduziert werden.

Bsp.: Kein Wunder, dass die brillante Ingeborg Bachmann den weinerlichen Max Frisch auf Dauer nicht ertrug. #dichterdran, Link öffnet in einem neuen Fenster (Barbara Flueckiger, @flueko)

Der Hashtag war so erfolgreich, dass die Geschichte nach kurzer Zeit von internationalen Medien wie der taz, Link öffnet in einem neuen Fenster, der FAZ, Link öffnet in einem neuen Fenster und schliesslich vom Guardian, Link öffnet in einem neuen Fenster und der Times, Link öffnet in einem neuen Fenster aufgegriffen wurden.

Man erfährt aber auch, was für Gefühle sie für einander hegen, leidenschaftliche und überfordernde, und wie dieses Geheimnis sie verbindet aber auch trennt, weil niemand sich traut, die Gefühle für den anderen zu zeigen. Das ist psychologisch komplex und gleichzeitig hochspannend. Man will das Buch gar nicht mehr aus den Händen geben.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur aktuell, 20.8.2019, 17:20 Uhr

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Legende:Getty Images / Bildmontage

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