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Irak: Die Wirtschaft ist am Boden
Aus Rendez-vous vom 15.01.2020.
abspielen. Laufzeit 08:46 Minuten.
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Der Irak in der Sackgasse Der Himmel über Bagdad verdunkelt sich

Im Schwitzkasten rivalisierender Mächte und arm trotz Ölreichtum. Auf den Strassen der Hauptstadt herrscht Resignation.

Für einen einzigen US-Dollar müssen Irakerinnen und Iraker tief in ihre Tasche greifen. Bis zu 3000 irakische Dinar müssen sie dafür hinblättern. Der Wechselkurs ist nur ein Indiz für die marode irakische Wirtschaft. Aber dazu möchte der junge Mann in der Wechselstube an der Einkaufsstrasse im Stadtteil Karada von Bagdad nichts sagen.

Er holt stattdessen draussen seinen Bruder. Aber auch er will nicht reden. Weder über die Wirtschaftslage noch über die gefährliche Eskalation zwischen den USA und Iran in ihrem Land Anfang Jahr. Sie hätten Angst, sagen die beiden. Wovor, sagen sie nicht.

Die beiden Brüder in der Bagdader Wechselstube
Legende: Zum Kräftemessen der Iraner und der USA im eigenen Land wollen die beiden Brüder in der Wechselstube keine Stellung beziehen. Die Regierung in Bagdad allerdings kritisiert Azif (Mitte) scharf. SRF

«Wir fürchten Krieg im Irak: immer, wenn sich Iran und die USA streiten, sind wir zwischendrin», sagt er. Da sage man besser nichts. Auf die Wirtschaftslage angesprochen, redet Azif dann aber Klartext: «In der Regierung sind alles Diebe: wie Ali Baba und die 40 Räuber.»

Das Öl sprudelt...

Etwas netter drückt es Basem Jamel Anton aus, ein bekannter irakischer Wirtschaftsexperte, der oft im Fernsehen zu sehen ist. «‹Wenn du aus Bagdad kommst, bist du grosszügig›, sagt ein Sprichwort.» Über ihre sprichwörtliche Grosszügigkeit gebe es aber auch den Witz: «‹Gib aus, was du in der Hosentasche hast, dann wird dir Gott schon helfen!›», lacht Anton.

Basem Jamel Anton
Legende: Basem Jamel Anton geisselt die grassierende Korruption im irakischen Beamtenapparat. SRF

Nach diesem Motto lebe die irakische Regierung, sagt der Wirtschafts- und Industrieexperte. Nur gebe sie das Geld für sich und nicht für die Allgemeinheit aus. Das irakische Haushaltsbudget beträgt über 100 Milliarden Dollar, 90 Prozent davon kommt vom Öl-Verkauf, vor allem vom Export. Aber ausser Öl produziert Irak fast nichts.

Visionen haben wir, aber entscheiden können wir nicht.
Autor: Basem Jamel AntonIrakischer Wirtschaftsexperte

Nach dem Sturz von Saddam Hussein 2003 seien Iraks Fabriken im grossen Stil geplündert worden, sagt Anton. Heute dienten irakische Fabriken als Lager für Importprodukte. Denn ein Gesetz des damaligen amerikanischen Zivilverwalters Paul Bremer habe Importen Tür und Tor geöffnet. Der Anteil der Industrie am Bruttoinlandprodukt Iraks mache gerade mal noch 1.5 Prozent aus – sprich: produziert wird im Irak sozusagen nichts mehr.

…und versickert im Nirgendwo

«Der irakische Fabrikarbeiter ist 17 Minuten am Tag produktiv, der Rest ist Zeitverschwendung», sagt der Wirtschaftsexperte. Auch die Landwirtschaft produziere im Vergleich zu früher nichts mehr. Dafür habe der Irak eine aufgeblähte Verwaltung, mit vielen unfähigen Beamten, die mit Auflagen und viel Korruption die Privatwirtschaft abwürgten.

Blick über Bagdad.
Legende: Eine Stadt in Aufruhr: Vor knapp zwei Wochen tötete eine US-Drohne den iranischen General Qassem Soleimani in Bagdad. Ein paar Tage später reagierte Iran: Mit Raketen auf US Militärstützpunkte im Irak und auf die Grüne Zone mitten in Bagdad. SRF

All das habe denn auch verhindert, dass es im Irak einen staatlichen Ölfonds gebe wie in Norwegen. Die Idee hat in Norwegen einen Sozialstaat ermöglicht. Im Irak fand sie aber kein Gehör. «Visionen haben wir, aber entscheiden können wir nichts», sagt Anton. Was im Irak passiere, werde von ausserhalb des Landes gesteuert.

Die Eskalation der Spannungen zwischen den USA und Iran habe das einmal mehr gezeigt, sagen zwei junge Frauen in Bagdads Karada-Quartier. «Ihren Streit tragen sie immer im Irak aus.» Auch dagegen demonstrieren die Menschen im Irak seit mehr als drei Monaten. Die Demonstrationen machten der schwachen Wirtschaft noch zusätzlich zu schaffen, finden aber einige.

Zwei Männer spielen im Vorzimmer einer Wechselstube Backgammon, vier andere schauen zu.
Legende: Zwei Männer spielen im Vorzimmer einer Wechselstube Backgammon, vier andere schauen zu. Ali fiebert mit, bis das Spiel entschieden ist. Dann beklagt er sich über die schlechte Wirtschaftslage. SRF

«Es gibt keine Wirtschaft, nur Staatsangestellte bekommen einen Lohn», sagt Ali am Backgammon-Tisch. Und jetzt seien auch noch die drei wichtigsten Brücken Bagdads geschlossen, wegen der Proteste – das schade den Geschäften in diesem Viertel massiv. Einen Ausweg aus der Misere sieht Ali für sein Land nicht. Mehr sagen dazu möchte er nicht.

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Christian Szabo  (C. Szabo)
    Aus Rache gegen den Iran hetzte man den Irak und andere Länder gegen diesen auf. Das Resultat sieht man seit Jahrzehnten. Hass und noch mehr Hass. Zerstörung, Perspektivlosigkeit, Abhängigkeit und Kontrolle durch den Westen.....was auch das Primärziel war und ist. Teile und herrsche. Den (westlichen) Herrschern geht es nur um maximalen Profit. Die Völker der ausgebeuteten Länder sind machtlos. Die einzige Freiheit ist, rechtlos zu überleben und zu sterben.
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  • Kommentar von Vale Nipo  (VNxpo)
    Das kommt davon wenn man nur aufs Öl setzt. Öl ist keine langfristige Lösung!
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Ein schöner Beschrieb wie ich es auf meinen Reisen um die halbe Welt immer wieder angetroffen habe. Solche Zustände sind für Aussenstehende, und mit Mittel-Europäisch denkendem Hintergrund kaum Fassbar.
    Chancenlos im weltweiten Wettbewerb. Änderungen von Aussen herbeiführen - unmöglich. Egal wieviel Geld und Mittel vorhanden sind, es funktioniert nicht nach unserer Denkart.
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    1. Antwort von Sebastian Mallmann  (mallmann)
      @Müller: Der Irak wurde 1990 zerbombt, dann jahrelang mit harten Sanktionen belegt, um 2003 noch einmal tüchtig bombardiert zu werden. Die von den USA eingesetzte Zivilverwaltung verscherbelte danach die Staatsbetriebe an ausländische Firmen und schuf durch Massenentlassungen von Beamten und Militärs die Grundlage für die Entstehung des IS. Das ist Neokolonialismus in einer ganz widerwärtigen Ausprägung. Und Sie versuchen, dieses Desaster mit Mentalitätsunterschieden zu erklären?
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    2. Antwort von Patrik Müller  (P.Müller)
      @mallmann: Es geht weiter zurück als 1990. Und es handelt sich um ähnliche Voraussetzungen wie sie z.B. auch in Afrika herrschen. Kaum ein ehemaliger Kolonialstaat hat es auf die Reihe gebracht sich weiter zu entwickeln. Sofortige Rückfälle in althergebrachte Schemen ermöglichte eine Neokolonialisierung und daher auch Ausbeutung mit den absehbaren Folgen für die Bevölkerung.
      Ein ganz krasses Beispiel dafür ist der Gazahstreifen oder ein Weiteres bedenkliches dürfte Südafrika werden.
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