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«Die Leute hier haben kein Geld und schon lange keine Hoffnung mehr»
Aus Echo der Zeit vom 02.12.2019.
abspielen. Laufzeit 07:23 Minuten.
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Von Labour zu Konservativ «Das Musterbeispiel einer vernachlässigten Gegend»

Bishop Auckland liegt im Norden von England. Seit Generationen ist die russbestäubte Stadt eine uneinnehmbare Festung der Labour-Party. Bis vor kurzem lag die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewohner konservativ wählen, bei null. Das könnte sich bei den Parlamentswahlen ändern – mit Boris Johnson.

Wer im Norden Englands den rostigen Triebwagen nach Bishop Auckland besteigt, sollte sich warm anziehen. Die Türen des Zugs schliessen nicht mehr richtig. Die Heizung ist kaputt. Dies offenbar seit Jahren.

Der Bahnhof von Bishop Auckland.
Legende: Der Bahnhof von Bishop Auckland. Der Zustand ist so miserabel wie derjenige der Züge, die hier durchfahren. SRF

Doch die Gelegenheit, sich zu wärmen, ist nach der Ankunft nicht weit: Sam Zair führt sein Café bereits in der dritten Generation. Sein Grossvater ist aus Italien in den Norden Englands eingewandert. Während er an der dampfenden Kaffeemaschine hantiert, gibt Sam eine Einführung in die Lokalgeschichte.

Sam Zair und sein Café.
Legende: Sam Zair vor dem Café, das er in der dritten Generation führt. SRF

Einst glühte es im Untergrund von Bishop Auckland. Die Kohlenminenstadt hatte ihre Blütezeit im Industriezeitalter. Sie war das Zentrum des englischen Kohleabbaus und hatte ein so starke wie stolze Arbeiterklasse. Mit dem Ende des Kohleabbaus kam der Niedergang.

Seit dreissig Jahren sind die Minenfeuer in der Tiefe der Stadt jedoch erloschen. Heute sei sie ein Musterbeispiel einer vernachlässigten Gegend Grossbritanniens, sagt Sam Zair. Ein Ort, der von der Politik vergessen wurde und wo Familien immer ärmer und ärmer würden.

Die Blütezeit der Kohlenstadt kann im städtischen Minen-Museum studiert werden. Die Fakten zum Niedergang liefert ein Blick in die Sozialstatistik. Von den 25'000 Einwohnerinnen und Einwohnern leben fast fünf Prozent von der Arbeitslosenkasse – deutlich höher als der Landesdurchschnitt. Die Leute hier im Norden verdienen im Durchschnitt weniger als ihre britischen Mitbürger im Süden des Landes.

Bild des Minenbaus.
Legende: In der «Mining Art Gallery» von Bishop Auckland lebt der Minenbau in der Region weiter – zum Beispiel in diesem Bild des Künstlers Vincent Evans von 1936. SRF

Die Zahl der Suppenküchen ist in den vergangenen Jahren rasant gestiegen. Die Leute in Bishop Auckland fühlten sich von der Politik schlicht nicht ernst genommen, klagt Sam. 61 Prozent der Stimmberechtigten der ehemaligen Bergbaustadt hätten zum Beispiel für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Dieser Volkswille sei vom Parlament in London aber bis heute nicht umgesetzt worden. «Wir wünschen uns Politiker, die uns ernst nehmen und unsere Stadt endlich wieder mit der nötigen Sorgfalt und Liebe behandeln.»

Wir wünschen uns Politiker, die uns ernst nehmen und unsere Stadt endlich wieder mit der nötigen Sorgfalt und Liebe behandeln.
Autor: Sam ZairCafé-Besitzer aus Bishop Auckland

Was Sam damit genau meint, zeigt sich beim Gang durch die Newgate Street. Auf historischen Bildern ist die Hauptstrasse voller Menschen. Die Stadt war einst das Zentrum des wirtschaftlichen und sozialen Lebens der Gegend. Heute ist die Newgate Street so leer wie trostlos. «Goodbye», «closed» und «for sale» steht auf den leeren Schaufenstern.

Voll sind dagegen die Schaufenster von Billigwarenhäusern und karitativen Organisationen. Ein solche ist das Kings-Coffee, das zwischen der britischen Herzstiftung und einem «One-Pound-Shop» an der Newgate Street liegt. Ein Gemisch aus Suppenküche und Secondhand-Laden. Von der Decke hängt ein Lautsprecher, der so desolat tönt wie das Angebot im Schaufenster aussieht: Welker Blumenkohl, Horror-Filme, Weihnachtskugeln und unendlich viel rosarote Baby-Kleider.

Das Kings-Coffee.
Legende: Das Kings-Coffee in Bishop Auckland: Ein Gemisch aus Suppenküche und Secondhandladen. SRF

Hier kaufe niemand gerne ein, sagt Jean Clarke, eine kirchliche Sozialarbeiterin. Vielen Bewohnern und Bewohnerinnen bleibe jedoch nichts anderes übrig. «Die Wahrheit ist so traurig wie einfach: Ohne Arbeit hat man kein Geld. Die Leute hier haben kein Geld und schon lange keine Hoffnung mehr. Aber wenn man nicht weiss, wie man die nächste Mahlzeit oder die Gasrechnung bezahlen soll, wird man krank.»

Die Wahrheit ist so traurig wie einfach: Ohne Arbeit hat man kein Geld.
Autor: Jean ClarkeSozialarbeiterin

Das sei auch der Grund weshalb in dieser Region überdurchschnittlich viele Menschen unter psychischen Problemen wie Depressionen oder Alkoholsucht leiden würden.

Nur drei Stunden aber auch Welten von London weg

Obwohl Bishop Auckland nur drei Zugstunden von London trennen, ist vom Reichtum und Wohlstand der Hauptstadt hier nichts angekommen. Vom Niedergang des Bergbaus hat sich diese Gegend bis heute nicht erholt. Bishop Auckland wurde zum vergessenen Hinterland ohne Zukunft. Die Frustration der Menschen ist entsprechend gross. Das war bei der Brexit-Abstimmung spürbar. Und könnte sich ebenso bei den kommenden Wahlen zeigen.

Jahrzehntelang war der Ort eine Arbeiterhochburg, welche treu Labour gewählt hat. Dieses Mal könnte es für die Arbeiterpartei jedoch knapp werden. Bishop Auckland ist einer von 50 Labour-Wahlbezirken im Norden Englands, in dem die Stimmberechtigten für den Brexit gestimmt haben. Diese wackligen Labour-Sitze haben die Konservativen ins Visier genommen. Die «rote Mauer» im Norden, wie sie von Politologen genannt wird, soll gebrochen werden. In Bishop Auckland soll der Parlamentssitz nun von der Konservativen Dehenna Davison erobert werden.

Dehenna Davison
Legende: Dehenna Davison soll für die Konservativen den Parlamentssitz von Labour erobern. SRF

Die 26-jährige Politologin stammt aus einer Arbeiterfamilie, die ebenfalls jahrzehntelang Labour gewählt hat. Doch seit dem Brexit-Referendum könne sie definitiv nicht mehr Labour wählen: «Für viele Menschen in dieser Stadt war das ihre erste Abstimmung in ihrem Leben. Sie können schlicht nicht verstehen, dass ihr Wille bis heute nicht umgesetzt wurde. Sie empfinden es als respektlos.»

Die Leute können schlicht nicht verstehen, dass ihr Wille bis heute nicht umgesetzt wurde. Sie empfinden es als respektlos.
Autor: Dehenna DavisonPolitikerin der Konservativen

Dehenna Davison möchte im Unterhaus dafür kämpfen, dass der Brexit endlich vollzogen wird. Wenn Grossbritannien nach dem EU-Austritt die Kontrolle über Grenzen, Geld und Gesetze zurückhabe, würden auch für Bishop Auckland bessere Zeiten anbrechen. Was das genau heisst, kann Dehenna trotz Nachfrage nicht so klar beantworten. «Wenn ich aber von Tür zu Tür gehe und mit den Leuten spreche, kann ich feststellen, dass die Leute Boris gernhaben. Denn sie sehen, dass er ernsthaft versucht ihren Willen umzusetzen.»

«Es ist nicht die Schuld von Labour»

Was ist in dieser Stadt falsch gelaufen, dass ehemalige Bergbaufamilien sich ernsthaft überlegen, ihre Stimme der Partei eines elitären Oxford-Absolventen zu geben, der es mit der Wahrheit nicht immer genau nimmt? Was machte Labour falsch? Der Wahlbezirk wird im Unterhaus von der Labour-Frau Helen Goodman (61) vertreten.

Helen Goodman.
Legende: Die Labour-Abgeordnete Helen Goodman war am Klima-Streik in ihrer Stadt Bishop Auckland mit dabei. Helengoodman.org.uk , Link öffnet in einem neuen Fenster

Im Büro der Labour-Abgeordneten ist die Stimmung sichtlich gespannt. Für ausländische Journalisten hat man eigentlich keine Zeit. Der politische Überlebenskampf erfordert offenbar alle Kräfte. Natürlich sei es schmerzhaft, wenn immer mehr Menschen arbeitslos seien und die Zahl der Suppenküchen zunehme, meint die Büroleiterin. Dies sei aber nicht die Schuld von Labour, sondern das Resultat der rigorosen Sparpolitik der Konservativen.

Zweckoptimismus bei Labour

Vielleicht werde es am 12. Dezember knapp, aber Labour werde trotzdem siegen. Denn in Grossbritannien beschäftige die Menschen nicht nur der Brexit, sondern ebenso das marode Gesundheitssystem, die steigende Armutsrate, der desolate öffentliche Verkehr in der Provinz, ganz zu schweigen vom Klimawandel. Wer sich für diese Themen interessiere, wähle Labour.

Wie knapp es tatsächlich werden könnte, zeigt ein Besuch im politischen Epizentrum der ehemaligen Bergbaustadt. Im Merry Monk Pub, gleich neben der Kathedrale, wird an jenem Abend die erste TV-Debatte zwischen Torie-Premierminister Boris Johnson und Labour-Chef Jeremy Corbyn übertragen.

Johnson und Corbyn.
Legende: Boris Johnson und Jeremy Corbyn am 19. November in Manchester während der ersten TV-Debatte vor den Wahlen im Dezember. Keystone

Johnson und Corbyn reden beide so, wie Politiker im Wahlkampf reden müssen. Sie versprechen das Blaue vom Himmel. Der britische Wahlkampf passt zur Jahreszeit. Er ist eine grosse Bescherung. Boris Johnson verspricht neue Spitäler, Schulen, Strassen. Wenn Labour an die Macht kommen sollte, könnte in Grossbritannien gar alles gratis werden. Jeremy Corbyn verspricht Gratis-Internet für alle, unentgeltliche Zahnbehandlungen und die Abschaffung der Studiengebühren.

«Der andere Kerl ist schlicht nicht wählbar»

Die Wahlgeschenke kommen im Merry Monk Pub nicht sonderlich gut an. Jedes Mal, wenn Corbyn spricht, geht ein Raunen durch den Raum und am Ende der Debatte sagt Chris Burn, der Wortführer am runden Tisch des Pubs, wer am 12. Dezember in Bishop Auckland das Rennen machen wird: «Johnson – der andere Kerl ist schlicht nicht wählbar.»

Chris und John vor dem Pub.
Legende: Chris Burn und sein Kollege John vor dem Merry Monk Pub in Bishop Auckland. SRF

Corbyns Ansichten seien zu radikal. Ihm könne man das Land schlicht nicht anvertrauen. Dem Kerl traue er nicht über den Weg, sagt Chris Burn wie zur Entschuldigung. «Ich weiss nicht, wie wir all seine Wahlversprechen finanzieren könnten. Er wird unser Land direkt in den Bankrott führen.» Johnson und Corbyn seien beide keine überzeugenden Kandidaten, «aber Johnson ist das kleinere Übel.»

Johnson ist das kleinere Übel.
Autor: Chris BurnEhemaliger Labour-Wähler

Auch John, der arbeitslose Schreiner, der neben Chris sitzt, hat immer Labour gewählt, wie bereits sein Vater und Grossvater. Gebracht habe es wenig. Das einzige, was er hier erlebe, sei Niedergang. Es müsse doch endlich wieder mal aufwärts gehen. Wenn es Labour nicht geschafft habe, schaffe es vielleicht tatsächlich Johnson. Zu verlieren habe man ich Bishop Auckland nichts mehr.

Der Glaube an bessere Zeiten ist klein

Nur etwas habe ihn während der Fernseh-Debatte stutzig gemacht. Johnson rede immer nur vom Brexit. «Mister Johnson hat die Menschen nie erwähnt. Ich vermute, er ist an normalen Menschen nicht besonders interessiert.» Sie müssten es mit Johnson versuchen, aber der arbeitslose Schreiner glaubt nicht daran, dass dieser etwas für die kleinen Menschen in diesem trostlosen Nest tun werde. «Nein, Johnson ist definitiv nicht ein normaler Mensch wie wir.»

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Widmer  (pinkpoet)
    Vielleicht lernt England etwas von den falschen Versprechen Trumps...kein Präsident kann eine Industrie retten, die einfach nicht mehr zeitgemäss ist. Aber man könnte sich gezielt mit Alternativen auseinandersetzen, das würde den betroffenen Regionen Perspektive geben...mehr als any FAKE...
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  • Kommentar von Max Wyss  (Pdfguru)
    Unter wessen Regierung wurde der Kohleabbau beendet??

    Was die genannten Züge angeht, hätten sie schon vor ein paar Jahren ausser Betrieb genommen werden sollen. Die Regierung May hat es aber aktiv verschlampt, Ersatz zu bestellen…

    Das es dieser Region schlecht geht, ist zum grossen Teil auf die Austerity-Politik der Konservativen Regierung während den letzten 9 Jahren zurückzuführen…

    Beängstigend ist, dass die am stärksten betroffenen (eben diese Region) offenbar Tories wählen wollen.
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    1. Antwort von Samuel Nogler  (semi-arid)
      So ein Quatsch, es ist sicherlich nicht die Aufgabe einer Regierung Züge für einen privaten Eisenbahnunternehmen zu bestellen.
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    2. Antwort von Roger Fasnacht  (FCB Forever)
      Der Bericht spricht über den Niedergang der letzten 30 Jahre. In der Zeit war Labour mehr als ein Jahrzent an der Macht (Tony Blair, Gordon Brown...) und am Niedergang hat sich nix geändert. Also nicht einfach versuchen den Tories die Schuld für alles zu geben, Labour hat es keinen Deut besser gemacht. Das heute in Europa niemand mehr Kohle will/braucht können Sie gerne den Grünen/Umweltschutz anlasten. Die Linkspopulisten haben die (sich abzeichnende) Wahlschlappe in England hoch verdient!
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    3. Antwort von Jörg Frey  (giogio)
      Herr Nogler, es ist sehr wohl die Aufgabe der Regierung, finanzielle Mittel für private Bahnunternehmungen zur Verfügung zu stellen, damit sie die Anlagen und Züge unterhalten können. Aber im von den Torys soo hoch gelobten Neoliberalismus wird das verunmöglicht.
      Hätten wir in der Schweiz eine solche Politik, sähen unsere Eisenbahnen genau gleich aus. Und jetzt kommt die Quintessenz. Nach den Torys sind nicht sie an der Vergammelung des öV schuld, sondern die böse EU.
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    4. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Der Niedergang der traditionellen britischen Industrie begann mit der eisernen Lady und dem daraus folgenden Tatcherismus.
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