Zum Inhalt springen

Header

Navigation

Legende: Audio Frauen in den Vorzimmern der Macht abspielen. Laufzeit 06:02 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 18.08.2019.
Inhalt

Frauen in Schweizer Parteien Wo ist die Gleichstellung?

Lange war es für Frauen nicht möglich, Mitglied einer Partei zu werden. Sie mussten sich ihren Platz erkämpfen.

Als die Historikerin Fabienne Amlinger die Archive der Frauenorganisationen der SP, der CVP sowie der FDP untersuchte, stellte sie grosse Unterschiede fest: Die SP verfügte bereits seit 1912 über eine sozialdemokratische Frauenorganisation, die FDP folgte 1949. Und die CVP nahm die Frauen erst nach 1971 in ihre Reihen auf. Die SVP konnte Amlinger im Rahmen ihrer Doktorarbeit nicht untersuchen, da deren Archiv nicht öffentlich zugänglich ist.

Fabienne Amlinger

Fabienne Amlinger

Historikerin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Amlinger arbeitet als Dozentin am Zentrum für Geschlechterforschung der Universität Bern. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehört die Geschichte der Schweizer Frauenbewegung und neue Politikgeschichte. Ihre Doktorarbeit erschien mit dem Titel «Im Vorzimmer der Macht» als Buch.

Das Selbstverständnis der SP und ihre Stellung als linke Opposition hätten die Partei dazu geführt, Frauen früh zu integrieren, so Amlinger. Der Weg der Sozialdemokratinnen an die Macht war dennoch steinig. Die Genossen verwehrten ihnen häufig den Einsitz in Parteigremien, aussichtsreiche Listenplätze und die Stimme in den parteieigenen Presseorganen. «Im Parteiprogramm waren die Männer vielleicht für das Frauenstimmrecht. Wenn es aber um die machtvollen Positionen ging, wollte man nicht mit den Frauen teilen.»

Robert Grimm auf dem Bundesplatz
Legende: Die SP unterstützte das Frauenstimmrecht viel früher als die Bürgerlichen. So war es etwa eine Forderung am Schweizer Landesstreik 1918. Im Bild: Robert Grimm, SP-Nationalrat und einer der Streikführer, 1920. Keystone

Mit den 68ern kam die neue Frauenbewegung, die kämpferischer und radikaler auftrat. Diese Feministinnen wurden teilweise in die SP integriert. Sie beeinflussten die SP-Frauen und führten dazu, dass sie sich parteiintern ihren Platz erkämpften.

Die FDP hat immer ohne Frauen funktioniert

Bei den bürgerlichen Parteien sah das anders aus. Etwa bei der FDP, ein Jahrhundert lang die staatstragende Partei: «Die FDP hat immer ohne Frauen funktioniert. Sie hatte das Bild von der Ehefrau zu Hause. Wenn die Frau politisch aktiv sein wollte, dann sollte sie sich nur in ihnen zugeschriebenen Bereichen wie Familien- oder Sozialpolitik beteiligen.»

Josi Meier
Legende: Die CVP begrüsste Frauen erst dann in der Partei, als diese das Stimmrecht errangen. Die Luzerner Parlamentarierin Josi Meier (1926-2006) wurde 1971 als eine der ersten Frauen in den Nationalrat gewählt. Keystone/Archiv

Das liberale Gedankengut – Chancengleichheit und individuelle Freiheit – trug dennoch dazu bei, dass die FDP 20 Jahre vor der CVP Frauen begrüsste. Die katholisch-konservative CVP tat dies erst dann, als die Frauen das Stimmrecht errangen.

Traten bürgerliche Frauen kämpferischer auf, wurden sie sofort in die linke Ecke gesetzt.

Die bürgerlichen Frauen verfolgten eine Strategie der kleinen Schritte und kamen nur langsam vorwärts. Ihre Parteikollegen wussten, wie sie sie zum Schweigen bringen konnten, so Amlinger: «Traten bürgerliche Frauen kämpferischer auf, wurden sie sofort in die linke Ecke gesetzt. Das war ein Totschlägerargument.»

1993 kam es zu einem entscheidenden Ereignis. Das Parlament weigerte sich, SP-Nationalrätin Christiane Brunner zur Bundesrätin zu küren. Diese Nichtwahl rüttelte viele Frauen und Männer auf und wurde als zutiefst ungerecht empfunden. «Da haben sich zum ersten Mal auch bürgerliche Frauen gewagt, Kritik an ihrer eigenen Partei zu üben.»

Frauen traten aus bürgerlichen Parteien aus, die SP hingegen verzeichnete weibliche Neumitglieder. Bei den anschliessenden Parlamentswahlen wurden so viele Frauen gewählt wie noch nie. Seither sind die Frauen zahlreicher geworden an den Hebeln der politischen Macht. Es habe aber noch immer zu wenige: «Der Anteil von Frauen und Männern in praktisch allen Gremien ist nicht gleichberechtigt. Und das ist auf das Agieren oder Nichtagieren der Parteien zurückzuführen», sagt Amlinger.

Mit langfristiger Förderung, guten Listenplätzen und Wahlkampffinanzierung könnten Parteien Frauen zu mehr Wahlchancen verhelfen. Das sei in diesem Wahljahr nötig, sagt die Historikerin, denn im Ständerat treten alle Frauen ausser eine zurück. Das Stöckli droht damit auf Werte zu fallen wie zuletzt in den 70er-Jahren, nachdem die Frauen das Stimmrecht erlangten.

Text der die Postergrafik beschreibt
Frauenanteil im Ständerat
Schliessen

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

11 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
    Aber bitte nicht Gleichberechtigung mit Gleichstellung verwechseln.

    Der Unterschied ist Gewaltig.

    Für mich gilt: Gleichberechtigung - unbedingt
    Gleichstellung - äusserst Gefährlich für die Gesellschaft allgemein
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Shane O'Neill  (Diddleydoo)
    Achtung!
    Hier wird NICHT dir Gleichberechtigung gefordert sondern die Gleichstellung!

    Das ist ein riesiger Unterschied.

    Ich bin ein grosser Fan der Gleichberechtigung aber die Gleichstellung ist mit alle Kraft zu bekämpfen.

    Gleichstellung = Geschlechterquoten Überall

    Sprich: equality of opportunity (Gleichberechtigung) gegen equality of outcome (Gleichstellung).

    Fallt nicht auf das Wortspiel ein.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Daniel Fuchs  (Daniel Fuchs)
      Das eine schließt das andere sogar aus weil man um Gleichstellung zu erreichen zwangsläufig diskriminieren muss (zB Quoten) und somit nicht mehr alle Gleichberechtigt sein können.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von W. Pip  (W. Pip)
      über diesen Unterschied habe ich noch nie nachgedacht, aber er bringt meine Abneigung zum Thema genau auf den Punkt. Schliesse mich Ihnen vollumfänglich an.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Urs Petermann  (Rhf)
    Sofern die notwendige Kompetenz vorhanden ist, lasse ich mich auch von 7 Bundesrätinnen regieren. Dasselbe gilt für mich auch auf Kantons- und Gemeindeebene. Und auch in Nationalrat, Ständerat, Kantonsrat, Gemeinderat usw. dürfen die Frauen die Mehrheit halten.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen