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Heikles Thema Organspenden
Aus SRF 4 News aktuell vom 17.01.2020.
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Widerspruchslösung oder nicht? «Es gibt keinen Anspruch auf Organe von anderen Menschen»

Soll die Widerspruchslösung in der Schweiz eingeführt werden oder nicht? Nachdem am Donnerstag in Deutschland der Vorschlag abgelehnt wurde, wird das Thema auch in der Schweiz wieder diskutiert. Mit der Widerspruchslösung wird jeder Mensch nach seinem Tod automatisch Organspender – ausser er oder sie hat sich zu Lebzeiten explizit dagegen ausgesprochen. Für Ethikerin Baumann-Hölzle wäre mit der Regelung eine Grenze überschritten.

Ruth Baumann-Hölzle

Ruth Baumann-Hölzle

Ethikerin

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Mitbegründerin und Leiterin von Dialog Ethik, dem Inter­dis­­zip­­li­­nä­ren Insti­tut für Ethik im Ge­sund­heit­s­we­sen, Leitung des Fach­bereichs «Ethik-Foren und ethische Unter­stützungs­systeme».

SRF News: Was macht dieses Thema derart brisant und emotional?

Ruth Baumann-Hölzle: Die Organspende betrifft die Tabuthemen Sterben und Tod, die uns Menschen letztlich sehr stark beschäftigen. Zudem stellt sich die Frage, wie der Staat den Umgang mit Sterben und Tod überhaupt regeln soll.

Dass ein lebender Mensch das Recht auf Unversehrtheit des Körpers hat, ist unbestritten. Wie sieht es aus ethischer Sicht aus, wenn jemand tot ist?

Auch Menschen, bei denen keine Zweifel darüber bestehen, dass sie Tod sind, haben gewisse Schutzrechte – man darf beispielsweise keine Leichen schänden. Auch die Eigentumsrechte dürfen nach dem Tod nicht beschnitten werden.

Das wäre in etwa so, wie wenn der Staat nach meinem Tod mein Haus übernehmen könnte und vor meinem Tod die Räumung vorbereiten würde.

Der Hirntod ist das zentrale Kriterium für die Organentnahme. Nur gibt es Organentnahme-Methoden, die voraussetzen, dass man bereits beim noch nicht hirntoten Menschen gewisse vorbereitende Massnahmen ergreifen muss; also quasi beim nicht urteilsfähigen Menschen auf der Intensivstation.

Hilft man mit der Organspende nicht todkranken Menschen?

Man muss sich die Frage stellen, ob die Person, welcher man die Organe entnimmt, im letzten Sinne tot ist. Ihre Organe sind es noch nicht, sonst würde man sie nicht für eine Organentnahme brauchen um sie nachher weiter verpflanzen zu können. Der andere Punkt ist, dass wir bereits heute viele Menschenleben retten könnten, wenn wir die Grenze überschreiten würden: Wir könnten Menschen zur Blutspende zu zwingen oder Menschen dazu zwingen, Stammzellen entnehmen zu lassen.

Video
Aus dem Archiv: Organspende – Ich will leben!
Aus DOK vom 05.12.2019.
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Die Widerspruchslösung ist momentan hoch im Kurs. Sie sehen das Ganze aber sehr kritisch. Wieso?

Problematisch wird es bei Menschen, die nicht urteilsfähig sind - dass manchen Menschen mit einer geistigen Behinderung einfach Organe entnommen werden, ohne dass sie sich dazu äussern konnten. Zudem gibt es Menschen, die sich aus anderen Gründen nicht mit der Frage der Organentnahme beschäftigen können. Die Widerspruchslösung stellt ein Paradigmenwechsel dar, weil der Staat plötzlich Anspruch auf die Organe von Menschen erhebt. Etwas, was zum höchstpersönlichen Recht des einzelnen Menschen gehört, wird vom Staat in Anspruch genommen, es sei denn, ich erhebe Widerspruch. Das wäre in etwa so, wie wenn der Staat nach meinem Tod mein Haus übernehmen könnte und vor meinem Tod die Räumung vorbereiten würde.

Grafik von Swisstransplant.
Legende: Die Nachfrage in der Schweiz nach Organen ist nach wie vor gross. Im Jahr 2019 starben 46 Personen auf der Warteliste, weil kein entsprechendes Organ gespendet wurde. Keystone

Es ist aber nicht der Staat, der Anspruch auf meine Organe hat, sondern schlussendlich kranke Menschen, die durch meine Organe weiterleben können...

Es gibt keinen Anspruch auf Organe von anderen Menschen. Letztendlich ist es trotzdem der Staat, der das Verhältnis der Menschen untereinander regeln muss.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

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38 Kommentare

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  • Kommentar von Matthias Jundt  (M. Jundt)
    „Fortschritt“ ohne Ethik ist Rückschritt, genauso wie Reichtum ohne Ethik Armut und Intelligenz ohne Ethik Dummheit ist.
    CH hat einen extrem hohen Level der med. Versorgung.
    Jetzt schon können viele ihre KK-Prämien nicht mehr bezahlen, geschweige Arztrechnungen!
    Ist das gerecht, wenn die einen eine extrem teure Verlängerung des Lebens um wenige Jahre mit reduzierter Lebensqualität beanspruchen auf Kosten jener, die sich die Prämien „am Maul“ oder bei der Ausbildung der Kinder absparen müssen?
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  • Kommentar von S. Borel  (Vidocq)
    Man darf wohl davon ausgehen, dass jene, die die Widerspruchslösung ablehnen, generell Organtransplantationen ablehnen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Faulheit, ein Kärtchen auszufüllen der Hauptgrund sein soll. Überhaupt bin ich der Meinung, dass nur diejenigen ein Spendeorgan erhalten sollten, die selber Spender sind. Oder wäre das dann auch unethisch?
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    1. Antwort von Remo Anderegg  (Remo Anderegg)
      Nö, das wäre nix anderes als wirkliche Verantwortung im klassisch liberalen Sinn.
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    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Der Aufwand besteht nicht im Ausfüllen eines Ausweises, sondern in der Entscheidungsfindung und der Auseinandersetzung mit dem Tod. Organe gibt es nur für solche mit Spenderausweis? Wieso nicht, dann würde man erkennen, wer wirklich hinter seinen Überzeugungen steht. Allerdings gibt es tatsächlich ein ethisches Problem, denn Menschen sterben lassen, obwohl es eine Rettungschance gäbe, ist heikel. Zudem müsste man dann zwingend Alle regelmässig darüber informieren und befragen.
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  • Kommentar von Frederik Fuchs  (F. J. Fuchs)
    Ein schwerwiegendes Thema, welches entsprechend umsichtig diskutiert werden muss.
    Für mich stellen sich folgende Fragen im Kontext der sog. Widerspruchslösung:
    .Was bedeutet es, wenn die O.-spende dem Grundsatz des Opt-Out folgt?
    .Ist es Staatsaufgabe und -verantwortung einen der intimsten Bereich des Lebens, nämlich den Tod, direktiv steuern zu wollen?
    .Ist Spendenfreiwilligkeit und Spendenpflicht im Kontext der Organspende gleichbedeutend?
    .Gibt es finanzielle Gewinner?
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    1. Antwort von Remo Anderegg  (Remo Anderegg)
      Der Staat steuert mit dem opt-out doch nicht den Tod. Das macht die Natur und geschieht einfach. Was er steuert, ist wie Leben gerettet werden kann. Die Fragen sind übrigens längst beantwortet, wo es das opt-out schon gibt. Aber nein, das Rad muss in der Schweiz halt neu erfunden werden...
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