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Rehmann Doris (44): «Ich habe Blumen für mein eigenes Grab gekauft»

Doris bewegt sich in der Punk-Rock-Szene, ist jung, wild und geniesst ihr Leben mit Drogen und Partys – bis sie mit 28 Jahren an Diabetes Typ 1 erkrankt. Nun stehen für sie Insulinspritzen und Blutzucker-Messungen an der Tagesordnung.

Doris hat ihre eigene Firma und ist Coach für Menschen, die vom Schicksal schwer getroffen wurden. Doch: Sie selbst muss sich jeden Tag dreimal Insulin spritzen und ständig ihren Blutzucker messen, denn sie hat seit 16 Jahren Diabetes Typ 1.

Ohne Insulin wäre ich wahrscheinlich in ein bis zwei Wochen tot.

Als Diabetikerin hat sie keinen stabilen Blutzuckerspiegel, da ihr Körper das Insulin nicht selber produzieren kann: «Wenn mein Blutzucker zu hoch ist, werde ich extrem müde und bekomme Krämpfe. Ist er zu tief, fange ich stark an zu zittern und fühle mich richtig benommen.»

Wie viele Diabetiker, war auch Doris schon mit den gängigen Vorurteilen gegenüber Zuckerkranken konfrontiert. «Es gibt Leute die meinen, ich sei selber Schuld, weil ich zu viel Süsses gegessen hätte, zu wenig Sport machen würde oder mich unausgewogen ernähre. Das ist aber Quatsch. Diabetes Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung. Meine Zellen haben das Gefühl sie sind Feinde und zerstören sich selber.»

Unersättlicher Durst und Gewichtsverlust

Als die Zuckerkrankheit festgestellt wird, ist sie damals noch ziemlich wilde Frau mit der deutschen Rockband Donots auf Tour: «Innerhalb von zwei, drei Monaten habe ich schleichend Wadenkrämpfe bekommen, sah viel schlechter, hatte ständig einen trockenen Mund und viel abgenommen.»

Doris wird umgehend ins Krankenhaus geschickt. «Das Schlimmste war der Durst. Ich dachte nur: ‹Sie sollen diesen Durst wegmachen.› Auf meiner Zunge bildete sich deswegen ein richtig pelziger Belag. Ausserdem wog ich bei 1.75 m Körpergrösse nur noch 43 Kilogramm.»

Auf der Suche nach Heilung

Nach ihrem Krankenhausaufenthalt muss Doris ihren Alltag umkrempeln. «Ich musste ständig eine Handtasche mit Medikamenten bei mir tragen und Alkohol war laut Ernährungsberaterin tabu.» Vor Diabetes war ein Rausch war für Doris ein erstrebenswerter Zustand: «Ich habe nur für das Wochenende gelebt, um mich abzuschiessen.» Deshalb will sie ihre Krankheit nicht wirklich akzeptieren, sucht irgend eine Form von Heilung in Religionen, Büchern, der Ernährung: «Ich habe alles ausprobiert.»

Hätte mir jemand Heilung versprochen, wenn ich in High Heels auf einem Bein nackt durch Winterthur hüpfe und CHF 10'000.– abhebe: Ich hätte es gemacht.

Ihre letzte Hoffnung: die eigene Beerdigung

Vor fünf Jahren kam der Zusammenbruch: «Ich hatte keine Kraft mehr. Der Kampf gegen die Krankheit, die Suche nach Heilung – ich wollte nicht mehr so Leben.»

Also holt sie sich Schaffelle, die sie zuhause auf dem Boden ausbreitet, kauft Kerzen und Blumen und inszeniert ihre eigene Beerdigung: «Ich wollte neu anfangen und sehen was passiert, wenn ich einfach da liege und gegen nichts ankämpfe.» Nach drei Tagen kam die «Auferstehung».

Ein neues, positiveres Leben

«Ich dachte mir: 12 Jahre kämpfst bereits du gegen Diabetes. Aber eigentlich kämpfst du gegen dich selbst.» Warum aber nicht jeden Tag glücklich leben? «Da fing ich an, mir Gedanken zu machen: Was bin ich und was bringt mich zum Strahlen? »

Diabetes ist etwas vom Besten, das mir passiert ist.

Von da an investiert Doris ihre Energie nicht in den Kampf gegen die Erkrankung, sondern akzeptiert sie als Teil von sich. Sie findet einen Weg mit Diabetes umzugehen und lässt sich nicht einschränken.

Ich muss nicht gesund sein, um gesund zu sein.