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Bei Gehörlosen «Erkläre mal einem Gehörlosen, dass du beim Radio arbeitest!»

Mona mittendrin, aber oft nicht richtig dabei. Mona Vetsch lebt drei Tage unter gehörlosen Jugendlichen. Sie besucht mit ihnen die Oberstufe «Sek3» in Zürich und übernachtet in ihrer Wohngruppe. Für Mona ein Erlebnis abseits der üblichen Kommunikation.

Fingerfertigkeit gefragt: Gebärdensprachlehrer Emanuel Nay übt mit Mona Vetsch.
Legende: Fingerfertigkeit gefragt: Gebärdensprachlehrer Emanuel Nay übt mit Mona Vetsch. SRF

Böse Zungen behaupten, du redest zu viel. Bei den Gehörlosen konntest du dein Mundwerk für einmal nicht einsetzen. Wie war das für dich?

Eine echte Grenzerfahrung. Ich bin es gewohnt, dass ich mit Sprache immer irgendwie durchkomme, egal in welcher Situation. Aber hier bin ich oft total angestanden. Habe nichts gecheckt, konnte nichts «sagen».

Ich war zwar mittendrin, aber oft nicht dabei. Als ob ich in einem fremden Land wäre und die Sprache nicht spreche. Aber genauso fühlen sich die Gehörlosen ja umgekehrt ständig unter uns Hörenden.

Mona übt Gebärdensprache in der Wohngruppe.
Legende: Mona übt Gebärdensprache in der Wohngruppe. SRF

Was ist dir aufgefallen bei der Gebärdensprache?

Zuerst einmal habe ich es genossen, dass ich einfach ungeniert zuschauen durfte, wenn jemand gebärdet. Sonst getraut man sich das ja kaum. Wer mit Gebärden kommuniziert braucht Sichtkontakt. Da kann man nicht um die Ecke rufen. Und man muss die Hände frei haben. In der Küche schnetzeln oder am Hobelbank sägen und gleichzeitig mit den Händen reden, das geht nicht.

Gibt es auch Vorteile?

Ja, die Gehörlosen können easy durch Scheiben miteinander reden oder auch bei superlauter Musik im Ausgang. Oder sie können im Tram über die Schuhe der Sitznachbarin ablästern, ohne dass sie jemand versteht. Mit der kleinen Ungewissheit, dass die Schuhbesitzerin vielleicht auch Gebärdensprache kann…

Was mir am besten gefallen hat: Beim Reden in Gebärdensprache schaut man sein Gegenüber an. Immer. Da können wir uns eine grosse Scheibe abschneiden!

Die Hörenden sind in der klaren Mehrheit und geben sprichwörtlich den Ton in unserer Gesellschaft an. Wieweit sollen sich die Gehörlosen anpassen?

Die Frage nach Integration ist eine schwierige. Natürlich müssen die Gehörlosen sich mit der hörenden Welt arrangieren, weil sie ein Teil davon sind.

Aber mir haben viele gesagt, dass sie daneben eine eigene Kultur und eigene Sprache pflegen und bewahren möchten. Damit sie einen Ort haben, wo sie sich durch und durch wohl fühlen. Das verstehe ich gut. Egal wie sehr sie sich anstrengen in unserer hörenden Welt, werden sie immer ein wenig «anders» sein.

Abschlussklasse: Die gehörlosen Schüler Ivan, Xenia und Diogo
Legende: Abschlussklasse: Die gehörlosen Schüler Ivan, Xenia und Diogo SRF

Warum ist die Gebärdensprache für die Gehörlosen so wichtig?

Weil es die Sprache ist, die ihnen entspricht. Ihre «Muttersprache». Für uns ist Deutsch die natürlichste Sache der Welt. Für Gehörlose aber ist das eine Fremdsprache, die sehr schwierig zu lernen ist.

Jemand hat es überspitzt so formuliert: Stell dir vor du bist in Peking und musst chinesisch lernen, indem du den Leuten auf die Lippen schaust. Schwierig!

Was hast du gelernt, wie man sich am besten mit Gehörlosen verständigt?

Die Leute anschauen und Hochdeutsch reden, deutlich und eher langsam. Es hilft, wenn man zusätzlich mit Gestik seine Worte unterstreicht, da kann man sich südländisches Gestikulieren zum Vorbild nehmen. Aber das allerwichtigste ist: Einfach keine Hemmungen haben und ausprobieren!

Inwiefern sind die Gehörlosen anders als die Hörenden?

Es gibt einfach Sachen, die haben in der Welt der Gehörlosen keine Bedeutung. Erkläre mal einem Gehörlosen, dass du beim Radio arbeitest! Hier unterscheiden sich unsere Welten. Aber die Gemeinsamkeiten viel grösser als die Unterschiede. Wir haben viel gelacht miteinander.

Beim Schnetzeln wird nicht geredet – Mona Vetsch kocht mit dem gehörlosen Abdulai für den Mittagstisch.
Legende: Beim Schnetzeln wird nicht geredet – Mona Vetsch kocht mit dem gehörlosen Abdulai für den Mittagstisch. SRF

Welche Gebärden sind dir geblieben?

«Schwierig»: die Finger bilden Stirnrunzeln ab. Für «Knoblauch» gebärdet man den Mundgeruch nach und «Fussball» sieht für Nicht-Eingeweihte eher aus wie eine bekannte Gassen-Geste für «Hau ab!». ;-)

Es gibt übrigens online ein gutes Gebärdensprachlexikon, mit Videos zu den gesuchten Worten. Da konnte ich dann auch die Gebärde für Radio nachschlagen: https://signsuisse.sgb-fss.ch/de/lexikon/g/radio/, Link öffnet in einem neuen Fenster

2 Kommentare

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  • Kommentar von Paul Gruber (Paul Gruber)
    Danke für das wunderbare Thema. Danke Mona. ABER: wir haben unsere gehörlosen Freunde drauf aufmerksam gemacht und diese haben geschrieben, dass sie leider nichts verstehen... - Mona wurde vielfach von der Seite gefilmt (Lippenlesen unmöglich) - keine Untertitel für die relevanten Inhalte zum Verständnis der Sendung Schade, dass dies vor der Ausstrahlung niemandem aufgefallen ist. Ihr habt über Gehörlose berichtet aber diese vergessen einzubeziehen.
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    1. Antwort von Sehr geehrter Herr Gruber
      Vielen Dank für Ihren Kommentar. In SRF Play finden Sie und Ihre gehörlosen Freunde den ganzen Beitrag mit Untertiteln. Sie können die Untertitel mit dem kleinen Rädchen-Symbol aktivieren. Wir hoffen, Ihnen mit diesen Angaben zu dienen. Mit freundlichen Grüssen SRF DOK https://www.srf.ch/play/tv/mona-mittendrin/video/bei-gehoerlosen-35?id=5b37faa4-a17f-4b3b-88d3-00ecfb00555c&station=69e8ac16-4327-4af4-b873-fd5cd6e895a7
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